14.10.1990 — Die Deutsche Bühne - Theatermagazin

Gosch, Zeitlupe - Jürgen Gosch als Opernregisseur

Drei Opern hat der Schauspielregisseur Jürgen
Gosch inszeniert, „Die Hochzeit des Figaro“ und
„Cosi fan tutte“ von Mozart, dazwischen Wagners
„Tristan“. Alle Inszenierungen hatten zweierlei
gemwinsam: Sie waren umstritten und sie lebten
vom Kult der Langsamkeit.

Es scheint das Schicksal des Theatermenschen Jürgen Gosch zu sein, entweder helle Bewunderung oder böse Schmähungen zu ernten. Die Inszenierung des sophokleischen „Ödipus“ am Kölner Schauspiel 1984 ...wurde zum Publikumsrenner. Kaum hatte er ...dafür den neugestifteten Europäischen Theaterpreis erhalten, da wurde seine Thalia-Inszenierung der Kleistschen „Penthesilea“ ausgebuht und öder Langeweile geziehen. Was als strenges schwarz-weißes Maskenspiel auf Kothurn (mit einem so herausragenden Ödipus wie Ulrich Wildgruber, dazu E.Schwarz und H.C.Rudolph) offenkundig faszinierte, stieß in seiner ebenso konsequent zelebrierten szenischen und sprachlichen Unerbittlichkeit mit einem jungen Team (Lena Stolze als Penthesilea) auf Unverständnis. ... Nicht selten provoziert Gosch bei ein und demselben Stück solch gegensätzliche Reaktionen, aber das „Hosianna“ und das „Kreuzigt“ können auch aufeinanderfolgenden Inszenierungen gelten, obwohl Gosch in seiner Arbeit sich treu bleibt wie wenige Regisseure. „Ich denke“, sagt er, „wenn ich was mache, ist das das Normalste von der Welt, für mich das Natürlichste oder vielleicht die einzige Lösung, auf die ich komme. Es ist eine solche Selbstverständlichkeit, es so zu tun, wie ich es tue, daß ich mich eher darüber wundere, daß andere Leute später darüber stolpern.“ Aber „normal“ waren auch die schauspielerischen Lösungen nicht, die Gosch für seine bislang drei Musiktheater-Inszenierungen entwickelte: Mozarts „Le nozze di Figaro“ Januar 1987 in Frankfurt, Wagners „Tristan und Isolde“ ein dreiviertel Jahr später in Amsterdam und wieder Mozart, „Cosi fan tutte“ im Frühling dieses Jahres zu Glasgow, Europas Kulturhauptstadt 1990. ...
Hinsehen, hinhören: Im „Figaro“ hat Gero Troike für Gosch ein weißes Ambiente gebaut, Wände im rechten Winkel mit schwarzen Zwischenräumen, schwarz die historisch stilisierten Kostüme... Und alle ohne Perücken! Die nötigsten Requisiten: im 1.Akt ein Spiegel, der obligate Sessel als rohes Holzmodell, im 2.Akt nur Türen und Fenster, im dritten ein weißes Treppenpodest auf dreieckigem Grundriß, im 4.Akt ein schwarzer Zwischenvorhang, den ein ein hell schattierter Baum belebt. Darin nun entfaltet sich das aufregende Spiel im Schloß, nichts lenkt ab von den prekären Simulationen und Stimulationen zwischen den handelnden Personen. Gosch gruppiert diese immer neu, konfrontiert Verbündete und Gegenspieler, belebt fulminant die Rezitative, läßt den Arien langen Atem. Die Einigkeit von Szene und Musik - Peter Hirsch leitet das federnd filigran musizierende Orchester, hat selbst am Hammerklavier die parlando-Passagen in der Hand - macht das Wunder erfahrbar, das Mozart im „Figaro“ geschaffen hat. ..
Hinsehen, hinhören: In „Cosi fan tutte“ war vom ersten Ton der Ouvertüre an wieder jene leicht angerauhte Lockerheit, die durchsichtig strukturierte Umsicht in der Orchestergehandlung da, die Jürgen Goschs Operndebüt zum Geheimtip hatte werden lassen: Peter Hirsch stand am Pult, saß am Flügel, wie Gosch es sich gewünscht hatte. Fast schien es, als habe der Regisseur sich von Mozart wieder befreien lassen - zu einer Mozart-Interpretation, hell, gelassen, spielerisch und voller Respekt vor dem Werk, wie sie in jüngerer Zeit wahrscheinlich nur an der Brüsseler Oper ... zu erleben war. Auch trug wohl die erstmalige Zusammenarbeit mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Nina Ritter zu solcher Befreiung bei. Die beziehungsreiche Grundform der Ellipse, die ja aus zwei Brennpunkten konstruiert ist, die preziösen Farben des Horizonts, der Spielfläche und der Kostüme geben der verwirrenden Konstellation von echten Liebenden und falschen Liebhabern - oder umgekehrt? - eine gefählich-schöne, immer vom Kippen bedrohte Balance. Denn das zeigt die Regie mit einfachen, klar disponierten Mitteln...: daß die Gefühle der beiden ihrer Liebe so sicheren Paare verletzlich sind; daß am Ende keiner unversucht, keiner ohne Verstörung bleibt. ... Mit dem Schwarzweiß des entlarvten Hochzeits-Zeremoniells bricht ein Stück Aufklärung, in mehrfachem Sinne, ein, durchaus verwandt dem Schluß von „Figaros Hochzeit“, offen, keine bündige Lösung vorgebend.

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